Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten
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Solidarität und Vielfalt im Zuge der Corona-Pandemie: Stellungnahme der Jugend Europäischer Volksgruppen

Heute sollte das Osterseminar der JEV beginnen, unsere größte Veranstaltung des Jahres mit mehr als 80 Teilnehmer*innen aus über 20 verschiedenen europäischen Ländern. Es hätte auf dem Knivsberg, Dänemark, in der dänisch-deutschen Grenzregion stattgefunden, wo vor 36 Jahren die JEV gegründet wurde und die dortigen Minderheiten in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen ihr 100-jähriges Jubiläum begehen wollten. Aufgrund der anhaltenden Coronavirus-Pandemie (COVID-19) mussten wir die Veranstaltung gemeinsam mit unseren Mitorganisator*innen und Gastgeber*innen, den Jugendorganisationen der deutschen und dänischen Minderheiten, auf unbestimmte Zeit vertagen. Es ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass wir ein Jugendseminar absagen mussten. Diese Seminare zielen darauf ab junge Menschen aus unterschiedlichen europäischen Minderheiten zusammen zu bringen und ihnen einen Raum zu bieten, ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen und sie somit zu befähigen, sich an der Gesellschaft zu beteiligen. Unser Ziel war es, ein Verständnis dafür zu schaffen, welche Haltung Minderheiten angesichts des zunehmenden Populismus und ethnozentrischen Nationalismus beziehen und welche Rolle Individuen von Minderheiten und Minderheitenorganisationen dabei spielen, dem entgegenzuwirken. Mit der wachsenden Welle von ‘Ismen und Phobien in ganz Europa sehen sich Minderheiten oft entweder zunehmend bedroht oder instrumentalisiert. Als größte europäische Jugendorganisation, die die Rechte nationaler, ethnischer und linguistischer Minderheiten schützt und fördert, verstehen wir unsere Verantwortung, eine klare Position gegen diese Entwicklungen einzunehmen und uns mehr denn je für die Rechte von Minderheiten einzusetzen.

An alle, die vom Virus des Nationalismus und Populismus betroffen sind, wir sehen Euch…

Die aktuelle Pandemie-Situation verstärkt diese beunruhigenden Entwicklungen und erzeugt eine derart intensive Medienberichterstattung und Diskussion in der breiten Öffentlichkeit, wie kein Thema zuvor. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir in Zeiten, in denen wir mit einer Flut von (Des-)Information und einer Zunahme der Leichtgläubigkeit konfrontiert sind, nicht nur Informationen zu suchen, die unseren Vorurteilen und Erwartungen entsprechen, sondern dass wir uns vielmehr bemühen, konsequent und bewusst die Fähigkeiten des kritischen Denkens anzuwenden und Meinungen von sachlichen Aussagen zu unterscheiden.

Als JEV stellen wir fest, dass die Bewältigung der Pandemie bei gleichzeitiger Achtung der Menschenrechte in vielen europäischen Staaten eine große Herausforderung darstellt.

Die rasche weltweite Ausbreitung des Coronavirus schürt populistische Rhetorik, die als nationalistische Botschaften des Zusammenhalts maskiert werden und gleichzeitig die Anerkennung der Vielfalt zu mindern suchen und von Hass, Fremdenfeindlichkeit und Stigmatisierung von Minderheiten angetrieben werden. Eine Pandemie sollte nicht als Vorwand dienen, das Grundrecht auf Privatsphäre abzuschwächen und bestehende Sicherheitsmaßnahmen sowie die Angst der Bürger*innen auszunutzen. Es ist von wesentlicher Bedeutung, dass wir als junge Mitglieder der Gesellschaft nicht nur gegenüber rassistischen Diskursen wachsam bleiben, sondern alle Entscheidungsträger*innen welche ihre Macht missbrauchen, zur Verantwortung ziehen, indem wir eindeutige Verletzungen der Menschen- und Minderheitenrechte aufdecken und darüber sprechen.

Für diejenigen, die unsere demokratischen Rechte einschränken wollen, wir bleiben wachsam…

Als JEV sehen und erkennen wir die Auswirkungen, die diese Krise auf alle hat. Doch wir beobachten auch, dass junge Menschen, welche einer Minderheit angehören, oft noch härter betroffen sind. Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass politische Vertretung, gute sozioökonomische Verhältnisse, Bildung und die Möglichkeit die eigene Kultur und Sprache frei auszuleben Faktoren sind, die für die Mehrheit eine Selbstverständlichkeit darstellen, während vielen Minderheiten diese Rechte noch immer verwehrt werden und deren Mangel sich als ernsthafte, ja tödliche Hindernisse erweist.

Erstens beobachten wir eine Bedrohung für demokratische Werte und faire Vertretung, wenn Notstandsgesetze eingeführt werden. Wir sehen eine Gefahr darin, dass Regierungsvertreter*innen Minderheiten als Sündenböcke in dieser Krise nutzen und als Gesundheitsrisiko bezeichnen und damit zu vorurteilsbehafteten Maßnahmen verleiten.

Zweitens beobachten wir, wie schlechte sozioökonomische Faktoren und sprachliche Voreingenommenheit die Ungleichheit gegenüber Minderheiten vertiefen können. Ländliche Gemeinschaften werden noch stärker isoliert, und der Zugang zu Online-, Bildungs- oder Gesundheitsdiensten ist nicht sichergestellt. Darüber hinaus weisen wir auf eine steigende Zahl von Fällen hin, in denen Minderheitengemeinschaften in abgelegenen, engen Siedlungen und überbevölkerten Vierteln mit eingeschränktem oder gar keinem Zugang zu grundlegenden Einrichtungen leben, was zu Problemen in den Bereichen Wirtschaft und Gesundheit führt. Auch der Zugang zu Gesundheitsinformationen und/oder Regierungsentscheidungen ist begrenzt, exklusiv und sogar diskriminierend, wenn sie nur in der Landessprache angeboten werden. Die Anerkennung der Notwendigkeit, offizielle Dekrete in Minderheitensprachen zu kommunizieren, führt zu einem integrativen Ansatz und zu einem besseren Verständnis der getroffenen Maßnahmen. Die Wirtschaftskrise wird auch lange nach dem Ende dieser Gesundheitskrise für gefährdete Gruppen und Jugendliche aus Minderheiten nicht zu unterschätzen sein. Die Wirtschaftskrise wird erhebliche Auswirkungen auf ihren Lebensunterhalt, aber auch auf ihre kulturellen, Bildungs- und Jugendbezogenen Aktivitäten haben, da das Einkommen sowie öffentlichen Mittel wahrscheinlich sinken werden.

Schließlich werden die Beschränkungen der Versammlungsfreiheit und die Schließung der Grenzen erhebliche Auswirkungen auf die Aktivitäten von Minderheiten sowie die Auslebung und Stärkung ihre Identität haben. Obwohl wir die Notwendigkeit einer sozialen Distanzierung verstehen, beobachten wir die unmittelbaren Auswirkungen auf Minderheitenorganisationen, die nicht in der Lage sind, wichtige Veranstaltungen, kulturelle Aktivitäten und Jugendversammlungen zu organisieren. Unter den kleinen Minderheiten wird noch mehr Wert auf solche Veranstaltungen gelegt, um ihre einzigartige Kultur und/oder Sprache hervorzuheben, zu praktizieren und zu unterstützen. Eine Online-Umgebung ist dafür nicht die perfekte Lösung, da sie durch die technologischen Möglichkeiten und die begrenzte Sprachtechnologie, die die Kommunikation in der Minderheitensprache behindert, eingeschränkt ist. Zusätzlich bringt die Tatsache, dass sich die Grenzen in Europa immer mehr schließen und die Freizügigkeit eingeschränkt wird gerade für grenzüberschreitende Minderheiten unvorhergesehenen Folgen mit sich. Wie wir bereits erwähnt haben, ist es auch für die JEV das erste Mal, dass wir kein internationales Seminar organisieren können, um die Jugend der Minderheiten zu verbinden, zu stärken und zu befähigen.

An alle, die an vorderster Front stehen, wir schließen uns dem Kapf für Solidarität und Vielfalt an…

Diese Krise wird tiefe demokratische, sozioökonomische und kulturelle Brüche in unserer globalisierten Welt schaffen, die nur mit einer kollektiven Anstrengung überwunden werden können. Jede*r von uns muss dafür Solidarität zeigen und ihre/seine individuelle, aber auch kollektive Verantwortung für die Gesellschaft als Ganzes übernehmen. Als junge Menschen waren wir an vorderster Front in verschiedenen sozioökonomischen Kämpfen, haben kreative Lösungen für die Herausforderungen der Welt gefunden und sind bestrebt, diese Erfahrungen auch im Lichte dieser Pandemie anzubieten. Monumentale Veränderungen können jedoch nicht allein durchgeführt werden. Als Angehörige von Minderheiten zeigen wir immer wieder, dass unsere Stärke im Aufbau von Allianzen liegt. Wir ermutigen die Welt, Einfühlungsvermögen zu zeigen und dafür Sorge zu tragen, dass Solidarität und Vielfalt nicht nur Schlagworte bleiben, sondern danach zu streben, ihrem Potenzial gerecht zu werden.

Die Stellungnahme als PDF-Datei [hier].

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