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Gründung/Kongresse

50 Jahre FUEV (1949-1999)

Präsidenten

Generalsekretäre

Warum Flensburg?


1949 - 1999: 50 Jahre FUEV
Aus der Eröffnungsrede des 44. Nationalitätenkongresses in Hadersleben
am 13. Mai 1999 von Romedi Arquint, Präsident der FUEV

Arquint, R.
Geburtstage sollte man in dankbarer, fröhlicher und aufgestellter Stimmung feiern dürfen. Uns allen, die wir uns um das Geburtstagskind FUEV versammelt haben, ist allerdings nicht sehr nach "feiern" zumute. Zu stark stehen wir in diesen Tagen immer noch unter dem Eindruck brutaler Gewalt und unsäglichen Leides für 100 000e von Menschen mitten in Europa. Wir stehen unter dem Eindruck des Versagens: Die zivilisatorischen Errungenschaften der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Menschenwürde und der Menschenrechte haben einer Eruption von Gewalt und Brutalität Platz gemacht; niemand hier im Saal hätte es sich träumen lassen, dass solches am Ende unseres Jahrhunderts noch möglich sein könnte.

Das Versagen trifft die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, der es nicht gelungen ist, mit Nachdruck auf dem Verhandlungsweg friedliche Lösungen durchzusetzen, als dies noch möglich war, ebenso wie die arrogante und menschen-unwürdige Taktik eines Staatsführers, um jeden Preis und unbesehen der Folgen am Instrumentarium ethnonationalistischer Ideologien und ethnischer Säuberungen mit Waffengewalt festzuhalten.

In diesen letzten Tagen des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist uns bewusst gemacht worden, wie weit die der FUEV zugrunde liegende Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Mehrheitsbevölkerung und nationalen Minderheiten und kleinsprachlicher Gemeinschaften in Europa noch von der Realität entfernt ist.

Wir stehen heute am 50. Geburtstag der FUEV vor einer ähnlichen Zeit der Neuorientierung wie es die FUEV in ihrer Gründungszeit war. Ob französische Intellektuelle recht haben, wenn sie den Balkankonflikt als Europa im Jahre 1 (A. Glucksmann) oder "L'Europe commence à Sarajewo" (A. Finkielkraut) bezeichnen, sei dahingestellt. Tatsache ist: Wir sind mitten drin in einem Reflexions- und Gestaltungsprozess darüber, welches politische Kleid ein Europa von morgen zu bekommen habe.

Wir haben es in doppelter Hinsicht schwerer als unsere Gründerväter, gibt es doch heute keinen Eisernen Vorhang und konträre Weltanschauungen, die es erlauben, Feindbilder aufzubauen und nicht hinterfragbare und zu hinterfragende Positionen mit eindeutigen Wahrheiten einzunehmen.

Zudem: Wir können uns nicht an der jüngeren Vergangenheit orientieren. So gehört das Kleid eines Europa der souveränen Nationalstaaten wohl endgültig in das Raritäten - Kabinett der politischen Geschichte. Seine Bedeutung wird in der Realpolitik zunehmend durchlöchert: Die Stichworte Globalisierung mit multi- und internationalen Regelungsinstrumenten auf der einen, Lokal- und Regionalautonomie auf der anderen Seite, grenzüberschreitenden Kooperationsformen, aber auch ein wachsendes Netz von internationalen bindenden rechtlichen und politischen Instrumenten mögen genügen, um den realen Bedeutungsverlust und die zunehmende Relativierung des Gebildes "Nationalstaat" zu zeigen.

Was sich im realen Alltag abspielt, ist das eine: dass in den Köpfen, in den gesellschaftlichen Strukturen und staatlichen Institutionen Relikte einer nationalstaatlichen Ära vorhanden sind, dass gar ethnonationalistische Konfliktmuster weiter gepflegt werden und Nahrung erhalten ist das andere. Allenthalben sind in Europa noch Elemente eines gemütlichen bis aggressiven Nationalismus zu orten, und wir tun gut daran, diesen den ihnen zustehenden Ort zuzuweisen: Sie gehören zum kollektiven Bewusstsein der Völker, dort sind sie zu hüten und zu wahren, sie sind aber - und das kann nicht klar genug herausgestrichen werden - zu lösen von den Bindungen zu Armee und Gewalt sowie von kollektiven Identifikationen mit Staaten und deren Machtapparat.

Gegen nationalistische Denkmuster sind auch die Angehörigen der Minderheiten nicht gefeit.

Die europäische Geschichte und Zivilisation ist aber auch aus andern Stoffen genäht, die Zukunft haben und deren wir uns bei der Gestaltung eines neuen politischen Kleides bedienen dürfen. An diesen sollten wir uns orientieren. Insofern enthält das "Europe arise" Churchills nach dem zweiten Weltkrieges den optimistischen Grundton, der auch auf unsere Zeit übertragbar ist. Allen Rückschlägen zum Trotz können wir uns mit guten Gründen von der Begeisterung, Zeugen und aktive Mitgestalter dieses neuen Europas sein zu dürfen, anstecken lassen.

Als Angehörige nationaler Minderheiten und eigenständiger kleiner Sprach- und Kulturgemeinschaften sind wir gewissermassen die Prototypen dieses Europa von morgen; deshalb sollte uns die Begeisterung zuerst ergreifen; Vieles von dem, was für uns selbstverständlich erscheint, sollte auch für die Mehrheitsbevölkerung zur Selbstverständlichkeit werden: Die Mehrsprachigkeit und Fähigkeit etwa, kulturell, geistig und politisch Brücken schlagen zu müssen zwischen verschiedenen Kulturen.

Europe arise: Dies ist das Erbe, das der FUEV von heute von der FUEV - Gründergeneration übergeben wird und brandaktuell ist.

Packen wir's an, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sein an einem Europa, das auf 4 Pfeilern ruht:

- Die grundlegenden säkularisierten Werte der christlichen Tradition, wie sie sich in den verbindlichen allegemeinen Menschenrechten niedergeschlagen haben, in den demokratisch - rechtsstaatlichen Institutionen und Strukturen,

- die Ergänzung dieser Werte durch Rechte und Schutzbestimmungen, die die freie und ungehinderte Entfaltung der Völker und Nationalitäten gewährleisten und die gefährdeten unter ihnen schützen und fördern,

- die Wiederaufnahme der grossen Erzählung unseres Kontinentes, der Erzählung von der Vielfalt an Sprachen, Kulturen und Völkerschaften, von deren freien und ungehinderten Entfaltung sowie vom kreativen Wettbewerb des Geistes und der Mentalitäten untereinander.

- es ist hier der Ort, das grosse Wort des dänischen Theologen und Poeten Grundtvig in Erinnerung zu rufen, das Wort FRIHED SÅVEL FOR LOKE SÅVEL SOM FOR THOR, ein Appell zur Freiheit für die Widersprüche, ein Appell zur Aktualisierung der Idee der Toleranz und der Achtung vor dem andern, die im Bewusstsein verankert ist, dass wir alle nur im Besitze von Teilwahrheiten sind und es absolute und einzige Wahrheiten nicht gibt und nicht geben darf.

Dies ist der eigentliche Reichtum Europas, den gilt es wieder mit Leben zu erfüllen. Damit eröffne ich den 44. Jubiläumskongress der FUEV in Hadersleben.

Vor fünfzig Jahren:
1949 bis 1999 - Der Sinn eines Kampfes
Von Joseph MARTRAY, Gründer und erster Generalsekretär der FUEV

Martray-Gruppe
Von links nach rechts: Joseph Martray, Bretone, Gründer und erster
Generalsekretär der FUEV, José - Antonio de Aguire; Charles Plisnier,
Wallone, erster Präsident der FUEV und André Voisin.

Am 9. und 10. April 1949 findet auf Initiative der »Union des Fèdèralistes de Bretagne« ein erstaunlicher Kongreß im Palais de Chaillot in Paris statt - auf den Tag genau vier Monate nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen, kommen am selben Ort mehrere Hundert Vertreter der »europäischen Regionen« zusammen: Volksgruppen ohne Staat oder innerhalb von Staaten proklamieren ebenfalls ihre Rechte: das Recht der Völker, das letztlich die Konsequenz, oder vielmehr die Voraussetzung für die Menschenrechte darstellt .

In der Tat eine erstaunliche Versammlung, wegen der unerwarteten Anzahl von Teilnehmern aus der Hauptstadt des Jakobinismus, aus Bayern, Schottland, dem Friaul, Wallonien, Schweizer Kantonen, Friesland usw., von Gruppen, die nie zu vor auf einer internationalen Bühne aufgetreten waren, um sämtlich ihren Existenzwillen zu bekunden... nicht zu vergessen die katalanischen und baskischen Abgesandten im Exil, und zwei weitere Repräsentanten - auch sie im Exil - aus einer Region, die man bereits damals als »jenseits des eisernen Vorhangs« bezeichnete. Ein derart unerwarteter Erfolg für alle, daß die damalige französische Regierung in letzter Minute einen ihrer jungen Staatssekretäre entsandte, namens ... François Mitterand.

Als bretonischer Veranstalter mit der Eröffnungsrede beauftragt, hatte ich zunächst auf den Sinn dieser Initiative hingewiesen, die - heute kann ich es sagen - mit erheblicher Besorgnis und Ungewißheit im Hinblick auf ihre Ergebnisse in die Wege geleitet worden war, und dabei drei Prinzipien herausgestellt.

»Das erste Prinzip ist, daß Europa nicht nur eine Begegnung der Staaten sein darf, aus denen es sich zusammensetzt; es muß eine Kraft der Befreiung sein, und nichts von dem, woraus sich seine natürliche Vielfalt zusammensetzt, darf ihm fremd sein... Das zweite Prinzip ist, daß die Förderung der Volksgruppen und Regionen außerhalb jeglichen aggressiven Geistes geschehen muß. Wir wollen keine Barrieren errichten, sondern wir wollen die Entfaltung jener Reichtümer, ohne die Europa verarmt... Das dritte Prinzip ist, daß nur der vollständige Föderalismus eine gesamte, fortschrittliche und endgültige Lösung des Problems der europäischen Regionen ermöglicht. Nur der Föderalismus kann den Anteil der Souveränität garantieren, der den Staaten zusteht und den Anteil, der den regionalen Volksgruppen zusteht.« Und ich schloß mit dem Satz: »Es ist an uns, so zu handeln, daß die Stunde Europas für uns als Regionen die Stunde der Emanzipation, die Stunde der wahren Freiheit ist«.

Die Stunde Europas? Sie schien damals in weiter Ferne zu liegen, und wir hatten im übrigen keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die im Verlauf der kommenden Jahrzehnte auftreten sollten, um sie zu verzögern oder sogar zu verhindern. Natürlich hatte elf Monate zuvor - vom 7. bis zum 9. Mai 1949 - das von Winston Churchill eröffnete glanzvolle Treffen von Den Haag stattgefunden, und im August 1949 gründete sich der Europarat als konsultative Instanz. Aber die ersten wirklichen europäischen Institutionen sollten erst sehr viel später folgen. Die MU (Montanunion), der nur sechs Länder angehörten, sollte erst im Jahre 1952 gegründet werden, die Euratom (Europäische Atomgemeinschaft) und vor allem die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) sollten erst am 1. Januar 1958 des Licht der Welt erblicken. Erst fünfzig Jahre nach diesem Kongreß der europäischen Regionen sollte die Europäische Union nach den schwierigen Ratifizierungen der Maastrichter Verträge wirklich entstehen und die gemeinsame Währung als wahrhaft föderalistisches Instrument ihre Laufbahn beginnen, während wir dachten, die Dinge würden viel schneller gehen.

Apenrade
1979: 30 Jahre FUEV in Åbenrå / Apenrade

Aber da es sich um ein historisches Unternehmen handelt, das auf die Gründung des geeinten Europa ausgerichtet ist, zählt die Zeit weniger als das Wesen selbst und der - politische, institutionelle, wirtschaftliche, kulturelle - Inhalt dieser Union. Werden sich die föderalistischen Hoffnungen des Palais Chaillot erfüllen, oder sind wir ihnen wenigstens näher gekommen? Und welche Rolle haben wir alle innerhalb dieser Entwicklung gespielt, jeder natürlich gemäß seinen eigenen Methoden und Möglichkeiten, aber im Geiste des Gründungskongresses vom April 1949?

Föderalistisches Europa oder Europa der Nationalstaaten? Diese Diskussion hat kaum an Brisanz verloren. Sie war geprägt von einer Reihe von Fehlschlägen, vor allem des Scheiterns der EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft) im Jahre 1954. Aber wie ist es um dieses Europa zum Zeitpunkt seines fünfzigsten Geburtstages in dem Bereich bestellt, den wir als internen Föderalismus bezeichnen, der konkret unsere Zusammenkunft im Palais Chaillot betraf und sechs Monate später unser Treffen in Versailles? Wie ist es um die Achtung des Rechtes der Völker bestellt, die über die Staaten hinaus das Wesen Europas ausmachen?

Man kann nicht sagen, daß das Europa des Jahres 1999 die regionalen Realitäten vollkommen ignoriert, in denen die alltäglichen Belange zum Ausdruck gebracht werden, wenn man daran denkt, daß unser alter Kontinent vor der Einteilung in Staaten ganz andere Einteilungen kannte, die den Bürgern näher waren und Bretagne, Normandie, Aquitanien, Lombardei, Flandern, Bayern, Katalonien, Schleswig usw. hießen. Seit den Maastrichter Verträgen gibt es übrigens einen Regionalausschuß bei den europäischen Institutionen, dessen Einfluß ohne Zweifel bescheiden ist, aber auf eine Tendenz hinweist. Und schließlich sind die Regionen auch in Brüssel selbst immer stärker präsent und erheben ihre Stimmen neben denen der Staaten: Diese regionalen Realitäten haben sich dank uns im Europarat im übrigen durchgesetzt, wie die Verabschiedung der europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen durch die Ratsversammlung gezeigt hat.

In jedem Falle besteht die große Veränderung gegenüber 1949 darin, daß die regionale Tatsache heute in allen großen Staaten nicht nur anerkannt wird; wir erleben einen Aufschwung ihrer Stärke, der - wie jeder weiß - unumkehrbar ist: das britische Beispiel ist das jüngste, mit dem Autonomiestatus, der Schottland und Wales ab dem 1. Januar 2000 gewährt wird. Der föderalistische Status, der Deutschland nach der Niederlage von 1945 als Strafe auferlegt wurde, entpuppte sich für das Land als echte Chance und ist ohne Zweifel die Erklärung für das »deutsche Wirtschaftswunder«....

Versailles
1989: 40 Jahre FUEV in Versailles

Was aber ist eine wirkliche Region im eigentlichen Sinne, den wir dem Wort geben und der nicht mit einer simplen Struktur für Wirtschaftsplanungen verwechselt werden darf. Wir sprechen von einer »ethnischen Region« nach dem griechischen Begriff »Ethnos«, der keinesfalls »Rasse« bedeutet, wie gelegentlich behauptet wird, sondern Volk. Ich verweise im übrigen auf das philosophische Wörterbuch von Paul Fouquiè, in dem das Wort Ethnie wie folgt definiert wird: »technischer Neologismus aus dem Bereich der Soziologie, der sich an das griechische »Ethnosë Volk anlehnt: eine Gruppe von Einzelwesen, die unterschiedlichen Rassen und Nationen angehören können, aber durch eine gemeinsame Zivilisation geeint werden«. Eine Zivilisation, das heißt eine Geschichte, eine Lebensweise, eine Kultur und häufig eine eigene Sprache. Im Jahre 1949 haben wir hinsichtlich des Vokabulars gezögert und den allgemeineren Begriff der »Volksgruppe« verwendet. Sie haben seither den Begriff als »ethnische Volksgruppe« präzisiert, und damit bin ich einverstanden: unter der Bedingung, daß man sich an den wahren Sinn des Wortes »Ethnie« hält, der bar jeglichen rassischen Inhalts ist, der dem griechischen Ursprung des Begriffes im übrigen fremd ist.

Bleibt noch der Begriff der »Minderheit«, der zweierlei deutlich getrennten Realitäten entspricht: Den Minderheiten, die sich in einem Mutterland wiedererkennen, von dem sie sich losgelöst haben oder fühlen; und den Minderheiten, die isoliert innerhalb der Kultur eines dominierenden Staates leben und nicht die Absicht haben, sich einem anderen Staat anzuschließen. Die Lösung bleibt in jedem Falle diejenige, die wir 1949 vorgeschlagen haben: ein föderalistisches Europa der Regionen.

Und wäre das etwa des Ende der Staaten? Allerhöchsten wäre es das Ende der unitaristischen und zentralisierten Nationalstaaten, für die Frankreich lange Zeit das Vorbild abgab; das Frankreich Ludwigs XIV. »L'Etat, c'est moi« - das Frankreich der Revolution, von Napoleon Bonaparte und der »einigen und unteilbaren« Republik. Bis zu General de Gaulle mußten wir warten, um eine andere Stimme zu hören, die leider nicht erhört wurde: »die jahrhundertelangen Bemühungen um eine Zentralisierung sind nicht mehr geboten. Es sind die regionalen Aktivitäten, die die wirtschaftliche Macht von morgen darstellen« (Rede von Lyon, 24. April 1968).

Das Bestreben der Regionen, der ethnischen Gemeinschaften, der Minderheiten ist heute nicht mehr, sich abzuspalten, selbst neue Staaten zu gründen oder die Grenzen der gegenwärtigen Staaten zu berichtigen, sondern in Europa eine Auffassung von Macht durchzusetzen, die sich auf das Subsidiaritätsprinzip gründet - das im übrigen in die Maastrichter Verträge aufgenommen worden ist - um die natürliche Ordnung der Dinge wiederherzustellen, wonach der Mensch und die Gemeinschaften, in denen er sich entfaltet, gegenüber den Staaten die Oberhand behält.

Es war somit ein ganz großer Gedanke, den wir 1949 im Palais de Chaillot und in Versailles auf den Weg gebracht haben, indem wir die Existenz und Dynamik dieser kleinen Gemeinschaften - Regionen, ethnischen Minderheiten usw. - in Erinnerung gerufen haben, deren Vielfältigkeit nicht nur die Einzigartigkeit, sondern auch den Reichtum unseres alten Kontinents ausmacht. Es ist daher die Sache von Europa, ihren Schutz und ihre Entfaltung institutionell zu sichern. Das ist der Sinn des Kampfes, den wir vor 50 Jahren begonnen haben.

Im Verlauf dieses Kongresses wurde die Gründung der »Föderalistischen Union der Europäischen Volksgruppen und Regionen« beschlossen, die sich offiziell und satzungsgemäß im Oktober desselben Jahres in Versailles konstituierte.

50 Jahre europäische Minderheitenarbeit:
FUEV 1949-1999
Von Dr. Jørgen Kühl Dr. Kuhl

Im Spätherbst des Jahres 1949 wurde in Versailles nahe der französischen Hauptstadt Paris eine Organisation von Minderheitenverbänden und Regionalisten gegründet, die einige Jahre später den Namen Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen bekam. 1999 kann die FUEV somit auf ein halbes Jahrhundert als Interessenorganisation von und zugunsten von Minderheiten und Nationalitäten in Europa zurückblicken.

Aus Anlaß dieses Jubiläums wird zur Zeit die Gesamtgeschichte der FUEV erforscht. Das Forschungsvorhaben wird Ende des Jahres zu einer Buchpublikation führen mit einem Umfang vom ca. 250 Seiten. Hinzu kommen zahlreiche Fotos und andere Illustrationen, die die Geschichte und Entwicklung der FUEV ausleuchten.

Die Untersuchung basiert auf die erstmalige Analyse des Gesamtarchivs der FUEV. Außerdem werden eine Vielzahl weiterer Publikationen sowie Interviews mit Zeitzeugen die Quellengrundlage bilden. Das Präsidium der FUEV hat den Zugang zu sämtlichen Akten des Zeitraumes 1949-99 ermöglicht. Somit stützt sich die Untersuchung überwiegend auf primäres Quellenmaterial.

Skadegard, Johannsen
Von links nach rechts: Jes Schmidt, Deutscher Nordschleswiger
und langjähriger FUEV-Vizepräsident, Jytte Skadegård, Svend Johannsen,
ehem. FUEV-Präsident und Povl Skadegård, langjähriger Generalsekretär der FUEV.

Es ist möglich, die Geschichte der FUEV in mehreren Entwicklungsstufen zu unterteilen. Die Anfänge der Organisation liegen in der europäischen Einheitsbewegung der Nachkriegszeit, wobei insbesondere föderalistische und regionalistische Gruppierungen eine hervorgehobene Rolle spielten. Die Organisation, die auf dem ersten Kongreß im April 1949 in Paris beschlossen und auf dem zweiten Kongreß in Versailles im November 1949 gegründet wurde, war Bestandteil des Europagedankens. Der Begriff "Föderalistisch" war somit ursprünglich kein Charakteristikon der Struktur des Verbandes, sondern muß im Sinne der damals vorherrschenden föderalistischen Bestrebungen nach einem geeinten, aber dezentral strukturierten Europa verstanden werden. Bis Anfang der 1960er Jahre verblieb die FUEV Mitglied in der Europabewegung und hatte - wie eine Reihe anderer Verbände mit gleicher Zielsetzung - Sitz und Stimme in der Europa-Union.

Die Gründung des Verbandes erfolgte in zwei Schritten. Die Strukturierung erforderte ebenfalls mehrere Anläufe. Nachdem die Union der Minderheiten und Regionen zugleich mit einem Bundesrat der Minderheiten und Regionen gegründet worden war, befand sich das Generalsekretariat zunächst in Paris im Gebäude der französischen Regionalisten La FŽderation. Obgleich mehrere Vorstandssitzungen in den ersten Jahren abgehalten wurden, wurde allerdings recht bald deutlich, daß die damalige Union zum scheitern verurteilt war, falls nicht ein neuer Begeisterungsschub entfacht werden konnte. Dies führte auf der Bundesratsversammlung in Leeuwarden 1950 zu dem Entschluß, einen weiteren, insgesamt dritten Kongreß der Minderheiten und Volksgruppen 1951 in Kopenhagen einzuberufen.

In Kopenhagen gründete der dänische Vertreter im Bundesrat, Jørgen Kiesbye Møller, ein Organisationskomitee mit u.a. Povl Skadegård als Mitglied. Als Kiesbye Møller zum obersten dänischen Richter auf Grönland ernannt wurde, übernahm Skadegård dessen Sitz im Bundesrat und organisierte gemeinsam mit einer Handvoll engagierten Dänen als Komiteevorsitzender den erfolgreichen Kopenhagener Kongreß 1951. Die Finanzierung wurde letztendlich durch den damaligen dänischen Außenminister Ole Bjørn Kraft gesichert, der seit Versailles Ehrenpräsident der Union war, ohne jedoch jemals aktiv an der Arbeit teilzunehmen.

Lemoine, Arquint
Pierre Lemoine (l.), Gründungsmitglied,
ehem. Präsident und langjähriger Vizepräsident
der FUEV mit Romedi Arquint, jetziger Präsident der FUEV.

Der Kongreß im dänischen Parlamentsgebäude Christiansborg wurde von weitreichender Bedeutung. Hier wurden die Weichen erneut gestellt, und ein idealistischer Aktivismus fing an, sich zu entfalten. Ein wichtiger Entschluß war die Gründung eines eigenständigen Informationsbüros für Minderheiten, daß vom Dänen Per Thaulow geleitet wurde, und das bis 1954 selbständig neben dem Generalsekretariat arbeitete. Das Büro gab insbesondere die Zeitschrift Small Nations heraus, deren Beiträge als Vorstufe für ein Handbuch der europäischen Minderheiten konzipiert waren. Gleichzeitig änderte sich allerdings auch die Grundlage der Union. Der Bundesrat verlor an Bedeutung, die Regionalisten und Föderalisten verabschiedeten sich in der Folge allmählich aus der Union, während allerdings die enge Verknüpfung mit der Europa-Union zunächst weiterbestehen sollte. Kurz darauf wurde Skadegård Generalsekretär der Union, die 1954 den derzeitigen deutschen Namen Föderalistische Union der Europäischen Volksgruppen bekam, während die englische Fassung noch einige Jahre den Zusatz "and Regions" führte..

Skadegård führte eine Reorganisation und Satzungsänderungen durch und prägte gemeinsam mit seiner Gattin Jytte die weitere Arbeit. Mehrere neue Mitgliedsverbände kamen hinzu, und die FUEV versuchte, eine gesamteuropäische Bedeutung zu erlangen. Trotz wiederholter Anträge auf ein Beobachterstatus beim 1949 gegründeten Europarat, wurde diese bedeutende internationale Anerkennung jedoch immer wieder verweigert, bis er schließlich 1989 dennoch erreicht wurde.

Die Ära Skadegård dauerte bis Anfang der 1970er Jahre. Sie war gekennzeichnet vom Idealismus des Ehepaares Skadegårds, aber auch durch eine ständige finanzielle Krise, die letztendlich nur dadurch gelöst werden konnte, daß die Verbände der Deutschen in Dänemark und der Dänen in der Bundesrepublik gemeinsam den Entschluß faßten, zumindest die Schulden der FUEV zu begleichen. Hinzu kam eine Absicherung des Etats, wobei diese beiden Minderheiten gemeinsam mit den Südtirolern und dem Sudetendeutschen Rat die größten Beiträge erbrachten. Mitterdorfer, K.

In der Zeit Skadegårds fällt auch die Miteinbeziehung der deutschen Vertriebenen in die FUEV. Umgekehrt engagierte Povl Skadegård sich auch in Projekten der Vertriebenenverbände, zu denen er ein inniges Verhältnis pflegte. In dieser Zeit wandelte Skadegård sich von einem sehr national eingestellten Dänen zu einem Internationalisten konservativer Prägung, der sich nicht zuletzt der Belange der Sudetendeutschen annahm. Die Bedeutung der Skadegårds ist nicht zu unterschätzen. Ohne ihr Engagement gäbe es wahrscheinlich heute keine FUEV. In Eigenarbeit organisierten sie - und insbesondere Jytte Skadegård als Organisationsleiterin - die Kongresse und unternahmen Studienfahrten in die verschiedenen Minderheitengebieten in West, aber mehrfach auch nach Osteuropa.

Nach dem Tode Jytte Skadegårds trat auch Povl Skadegård Anfang der 1970er Jahre von seinem Amt als Generalsekretär zurück. Die Union mußte sich neu orientieren. Dabei spielten wiederum die Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland sowie die Südtiroler eine prägende Rolle. Es wurden zahlreiche Versuche unternommen, eine effektivere Organisation zu bilden und zudem eine gesicherte finanzielle Basis zu finden. In diesem Zusammenhang strebte die FUEV wieder verstärkt nach europäischer Anerkennung auch im Europaparlament. Zu einer finanziellen Förderung kam es jedoch nie. Auch die Versuche, die Tradition der Nationalitätenkongresse der Zwischenkriegszeit fortzuführen, waren zunächst wenig erfolgreich. Der Nationalitätenkongreß 1985 in Genf hatte nicht die erhoffte Signalwirkung. Später wurde zwar die Benennung Nationalitätenkongresse fortgeführt. Die FUEV war aber eine Organisation und konnte trotz eindeutig artikulierte Ambitionen nicht als Fortsetzung der Nationalitätenkongresse funktionieren. Hinzu kam eine gewisse Konkurrenzsituation im Verhältnis zu einer Reihe anderer internationaler Organisationen, die sich der Minderheitenfrage annahmen. Die keltischen und südwesteuropäischen Minderheiten gründeten eigene Foren. Eine neue Organisation wurde seitens des Europaparlaments auch finanziell gefördert: das Europäische Büro für Weniger Verbreitete Sprachen in Dublin, während Bestrebungen seitens der FUEV nach einer entsprechenden Förderung erfolglos verblieben. Jorgensen, H.R.

Mit den politischen Umbrüchen der Jahre 1989-91 in Mittel- und Osteuropa wurde die FUEV erneuert. Der Jubiläumskongreß 1989 war trotz aller vordergründiger Begeisterung dennoch davon geprägt, daß die FUEV damals am Ende seiner Möglichkeiten angelangt erschien. Bereits zwei Jahre später wurden auf dem Kongreß in Budapest neue Zielsetzungen gefunden. Die osteuropäische Herausforderung wurde bewältigt, indem umgehend Kontakt aufgenommen wurde mit denjenigen Minderheiten, die in den vorhergegangenen Jahren nur vorübergehend oder gar nicht in die Arbeit integriert gewesen waren. Hier soll allerdings unterstrichen werden, daß die Thematik der Minderheiten in Osteuropa nie von der FUEV ganz außer Augen verloren ging. Die FUEV unternahm immer wieder Initiativen, um Kontakte herzustellen und Zusammenarbeitsformen zu finden.

Nach 1990 wurden zahlreiche neue Verbände Mitglied der FUEV. Insbesondere deutsche und ungarische Minderheiten stellten zügig Anträge auf Aufnahme, aber auch viele andere Minderheiten fanden den Weg in die FUEV.

Die organisatorische Expansion stellte neue Anforderungen an die Strukturen. Deshalb wurde Mitte der 1990er Jahre eine Professionalisierung der FUEV erforderlich. Dies läßt sich jedoch nur durch eine gesicherte finanzielle Basis ermöglichen. In diesem Zusammenhang spielen institutionelle Förderungen des Landes Schleswig-Holstein, Südtirols und Trients eine wichtige Rolle. Hinzu kommt eine Förderung des Generalsekretariats durch die Hermann-Niermann-Stiftung. Trotz dieser Förderung muß jedoch 1999 festgestellt werden, daß die FUEV noch nicht eine so starke Struktur besitzt, daß sie in dem Maße für Minderheiten aktiv sein kann, wie sie es erstrebt. Seit 1949 zeichnen somit die Finanzmittel auch die jeweiligen Rahmenbedingungen der FUEV auf. Nickelsen, A.

Die Aufgaben der FUEV sind heute noch zahlreicher, aber auch komplexer denn je. Die Bedeutung dieser Minderheitenorganisation ist heute größer als vor 10, 20, 30 oder 50 Jahren. Sie ist heute international anerkannt und ihre Vorstellungen, Anregungen und Gutachten werden immer häufiger auch gehört. Der entscheidende Schritt zur Anerkennung war dabei die Ausarbeitung eines Konventionsentwurfes (der sogenannte Bozener Entwurf), der auf dem Kongreß 1992 als Cottbusser einstimmig beschlossen wurde und daraufhin den europäischen Institutionen sowie zahlreichen Außenministerien überreicht wurde. Hiermit setzte die FUEV ihre Bestrebungen fort, die Annahme eines gesamteuropäischen Minderheitenrechts zu erreichen. Bereits in der Zeit des FUEV-Präsidenten Matuschkas wurden 1956 die ersten "Hauptgrundsätze eines Volksgruppenrechts" beschlossen. Diese durch finanzielle Förderung des Auswärtigen Amtes in Bonn erarbeiteten Grundsätze wurden seit Mitte der 1960er Jahre überarbeitet und wurden 1967 in Apenrade in einer neuen Fassung verabschiedet. Auf dem Nationalitätenkongreß in Genf 1985 wurde eine erneuerte Fassung angenommen. Das Interesse für ein international Volksgruppenrecht ist somit sicherlich einer der Programmpunkte, die am hartnäckigsten von der FUEV verfolgt worden ist und das heute angesichts kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa nichts an Dringlichkeit und Aktualität verloren hat.


The Federal Union of
European Nationalities
An Outline History 1949-1999
Dr. Jørgen Kühl
MA, PhD Dr. Jørgen Kühl
Director of the Danish Institute of Border Region Studies
Persillegade 6
DK - 6200 Aabenraa 
jk@ifg.dk
http://www.ifg.dk

Research topics:
History; contemporary history; ethnicity, nationalism, and minority studies; border conflict studies

Languages spoken: Danish; English; German
CV: http://www.ifg.dk/en/medarbejdere/joergen/cv_en.htm
Publication list:
http://www.ifg.dk/en/medarbejdere/joergen/pub_en.htm

© INSTITUT FOR GRÆNSEREGIONSFORSKNING
ISBN 87-90163-84-2
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