46. FUEV-Nationalitätenkongreß in Heerenveen
Eröffnungsrede von FUEV-Präsident Romedi Arquint
Es freut mich Sie alle hier in Heerenveen zum 46. Internationalen Kongress der FUEV begrüssen zu dürfen.
Im Zweckartikel der vor mehr als 50 Jahre gegründeten FUEV steht der folgende Satz: The FUEN aims to preserve ethnic particularitries, language, culture and vital rights of European nationalities.
Im ersten Jahr des neuen Jahrtausends ist deshalb die Themenstellung gegeben: Wo stehen wir in Europa in Bezug auf dieses Ziel? Was wurde erreicht? Was bleibt zu tun?
Ich habe mir die Mühe genommen, in einigen Enzyclopedien der Bezeichnung
"nationale Minderheiten" nachzugehen. Interessant etwa, dass das Deutsche Wörterbuch von 1885 diese Konnotationen noch gar nicht kennt, sondern unter dem Stichwort "Minderheit" nur das Folgende ausführt:
Zustand des Minderseins (an Zahl, Stärke oder Würde). The new Encyclopedia Britannica, 1985, bringt es in typisch englischer Nüchternheit auf den Punkt: Necesserely subordinated to the dominant group within a society. Gemäss der Enciclopedia italiana ist der Begriff seit dem ersten Weltkrieg geläufig.
Die sogenannte Wilson - Erklärung zementierte auf dem internationalen politischen Parkett die Idee des Nationalstaates, der auf der Grundlage der einen Sprache, Kultur, Geschichte und Mentalität beruht sowie das Prinzip der Souveränität solcher staatlicher Gebilde. Pikant war das Auseinanderklaffen von Ideologie und Realität, die gleichzeitig mit der Erklärung einsetzte (etwa mit der Aufteilung der Ungarn auf verschiedene Staaten) und die mit dem 2. Weltkrieg ihre Fortsetzung fand (etwa mit der Zuteilung des Südtirols an Italien).
Mit dem Nationalstaat war gewissermassen als Abfallprodukt auch der Status der in einem solchen Staat lebenden Menschen anderer Sprachen und Mentalitäten besiegelt: Sie wurden zu nationalen Minderheiten. Die Sprache ist immer auch ein Herrschaftsinstrument. Im Dienste der Nationalismusideologie verkam die Idee der sprachlichen Vielfalt und des Reichtums der Diversität zur Formel der staatstragenden Nation bzw. der nationalen Minderheit, die mit negativen Assoziationen verbunden wird und die letztlich sich auf eine Frage der Quantität reduzieren lässt.
Der litauische Dichter Abraham Sutzkever hat die Macht der Sprache auf die folgende Formel gebracht: "Geh über Wörter wie über ein Minenfeld, ein falscher Schritt, eine falsche Bewegung und alle Wörter...werden mit dir in Stücke gerissen".
Im Bereich der Zoologie und der Botanik, - in Bereichen also, wo keinerlei politischer Druck herrscht -, wäre es unvorstellbar, dass seltene Tierarten oder Pflanzen als Minderheiten bezeichnet würden. Hier reden wir von der Artenvielfalt, die es zu erhalten gilt, hier wird auf die gegenseitige Abhängigkeit und Befruchtung, die diese Vielfalt für Natur und Umwelt hat, hingewiesen; seltene Tierarten sind hochgeachtet und man unternimmt alles Erdenkliche, um ihnen günstige Rahmenbedingungen zu gewähren. Die Diversifikation ist ein grundlegendes Prinzip, Grundlage für die Evolution und Zeichen der Vitalität in der Natur.
Auf die Sprachen angewandt: Weltweit zählen wir an die 6000 Sprachen, davon sind ein Drittel gefährdete Kleinsprachen. Für Europa bedeutet dies: Die 767 Mio zählende Bevölkerung Europas besteht aus 87 Völkern, die in 36 Staaten (die mit weniger als 1 Mio nicht eingerechnet). Nur 11 % der Sprachen weisen mehr Sprecher als 1 000 000 auf. Die 53 staatenlosen Sprachen sind in nationalstaatlich geprägte Strukturen eingebunden, die sie ebenso zu Minderheiten machen wie Minderheiten, die einen »king state« haben. Beide Gemeinschaften finden in den überwiegenden Fällen keine idealen Entfaltungsbedingungen vor. Diese Vielfalt auf die Formel "Nationale Minderheit" zu klassifizieren ist nur möglich bei einem enormen Druck der herrschender Ideologie. Sie einzupressen in national-staatliche Strukturen mit der einseitigen Pflege der einen nationalen Blume im staatlichen Park, erdrückt und erstickt sie, sie werden zu trockenen, leblosen Blumen im Herbarium.
Ich habe vom Begriff der nationalen Minderheit als Abfallprodukt geredet. Ich möchte weiter gehen und hier und heute diese Wort zum UNWORT DES JAHRHUNDERTS erklären. Der Begriff "nationale Minderheiten" ist der Schatten, der zur Ideologie des Nationalismus passt und diese begleitet und der mitverantwortlich ist an dem Diskurs und den Lösungsansätzen, die den Blickwinkel verkürzen und verengen. Die Überwindung nationalstaatlicher Ideologien kann nicht ohne eine Überwindung der Sprachregelungen für die kleinen Sprach- und Kulturgemeinschaften erfolgen und ist nur mit einer Veränderung des privaten und öffentlichen Bewusstseins möglich. Grundlage ist die Wiederentdeckung und positive Interpretation der Vielfalt!
Derzeit werde "der Job von 1918 zu Ende gebracht" Hobsbawm; "auseinanderbringen, was später wieder zusammenwachsen soll" Ash.
Und der Ungar Imre Kertesz: "Wer hätte gedacht, dass die sogenannte "samtene" Revolution sich für die osteuropäischen Staaten als eine Zeitmaschine erweisen würde, die mit ihnen nicht vorwärts, sondern rückwärts in der Zeit abhebt, und dass sie ihre Kinderspiele dort fortsetzen, wo sie sie etwa 1919, am Ende des Ersten Weltkrieges, abgebrochen hatten?"
Die Fokussierung der Öffentlichkeit auf die mit einem für viele nicht vorstellbaren Mass an Brutalität und Gewalt erfolgten Ausbrüche in Osteuropa und auf dem Balkan ist jedoch unzulässig.
Ein Blick auf den Teil Europas, der den Kinderschuhen entwachsen sein sollte, zeigt, dass auch hier die Grundlage der Bejahung und aktiven Förderung der Vielfalt brüchig geblieben ist. Vorab solche Staaten mit zentralistischen Strukturen, haben Mühe, selbst die Existenz der sprachlichen und kulturellen Verschiedenheiten zu anerkennen. Seit Jahrzehnte lodern und entfachen sich blutige Auseinandersetzungen; Lösungen sind kaum in Sicht.
Andernorts führt ein eher gemütlicher Nationalismus dazu, diese Vielfalt mit Sympathie, solange sie nichts kostet, zu betrachten, sie ihrem Schicksal zu überlassen, zu übergehen; er kann sehr schnell sich in rassistischen und fremdenfeindlichen Parolen Ausdruck verschaffen.
Eine Zukunft wird Europa haben, wenn wir in den Verfassungen und Gesetzen, in den Internationalen Konventionen, aber letztlich in den Köpfen, wieder zurückfinden zu einer andern Sicht dessen, was eine Vision und Zielbestimmung Europas sein könnte: Die Gleichwertigkeit, die gegenseitige Abhängigkeit, die Bereicherung, die die sprachliche und kulturelle, religiöse und mentalitätsmässige "Artenvielfalt" unserem Kontinent gebracht hat und auch wieder bringen könnte.
Hiefür müssen wir uns jedoch von der Idee endgültig lösen, wonach diese Vielfalt nur unter einem isolierten staatlichen Gartenbeet in Monokultur gepflegt werden kann. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass Europa wieder zusammenwachsen kann.
Meine Damen und Herren,
Wer die Vergangenheit nicht versteht, kann auch die Gegenwart nicht begreifen und kaum die Zukunft gestalten. Ich hoffe, dass unser Kongress Impulse und Handlungsanleitungen geben kann, wie wir aus der Vergangenheit die richtigen Lehren ziehen können, die Gegenwart besser begreifen lernen und auf der Baustelle des neuen Europas konstruktiv mitarbeiten können.
Damit eröffne ich den 46. internationalen Kongress in Heerenveen.
Die Friesen in den Niederlanden und Deutschland
Schon der römische Geschichtsschreiber Plinius ließ es sich nicht nehmen, dieses Volk an der Nordsee zu erwähnen. Er spricht von Menschen, die sich bereits damals an eine unwirtliche, durch den Gezeitenstrom von Ebbe und Flut und ständigen Überflutungen geprägte Umwelt anpassen mussten und ihre Häuser zum Schutz auf künstlichen Wohnhügeln errichteten. Auch im frühen Mittelalter finden sie vielerorts Erwähnung, war ihre Bedeutung als seefahrendes Handelsvolk doch so hoch, dass man die Nordsee damals nach ihnen, nämlich als "Mare Frisicum" bezeichnete. Ihr Siedlungsgebiet erstreckte sich am Küstensaum der südlichen Nordsee vom Rheindelta bis zur Wesermündung. Erst weitaus später wurde auch die Westküste des südlichen Schleswigs (deutsch-dänisches Grenzgebiet) besiedelt. Ein einheitliches Staatsgebiet gab es nur selten, vielmehr zerfielen die Friesen in zahlreiche Kleinststaaten und sogenannte Häuptlingstümer, die aber für einige Zeit im Staatenbund der "Sieben Seelande" zusammengeschlossen waren. Heute lebt die eine Hälfte der Friesen in den Niederlanden und die andere in der Bundesrepublik Deutschland und man unterscheidet zwischen West-, Ost- und Nordfriesen.
Zusammengeschlossen sind alle im sogenannten Friesenrat.

FUEV-Präsident Romedi Arquint (3.v.r.) beim Ried fan de Fryske Beweging
Die Westfriesen (Wester-lauwerske Friesen)
Die Westfriesen leben im Norden der Niederlande in der Provinz Fryslân/Friesland. Von den ca. 600 000 Einwohnern sprechen ungefähr 350 000 Menschen die friesische Sprache, über 90% der Bevölkerung können sie verstehen. Als Haupterwerbs-zweige gelten wie in den anderen Frieslanden auch der Tourismus und die Landwirtschaft. Die Friesen gelten als anerkannte Minderheit und ihre Sprache gilt als 2. offizielle Amtssprache innerhalb der Provinz. Die Situation der Westfriesen stellt sich im ergleich zu den in Deutschland lebenden relativ günstig dar. So sendet der regionale Fernseh- und Radiosender "Omrop Fryslân" fast ausschließlich auf friesisch. Auch landesweit wird wöchentlich ein zweistündiges Programm in friesischer Sprache gesendet. Gedruckt taucht friesisch in den Massenmedien eher selten auf. Sämtliche Tageszeitungen schreiben auf niederländisch, hin und wieder gibt es aber auch kleinere
Beiträge auf friesisch. Einer der Gründe liegt in der hohen Zahl der Analphabeten. Ungefähr die Hälfte der Sprecher können ihre Sprache nicht lesen, noch weitaus weniger auf friesisch schreiben. Diese Situation verbesserte sich erst, seitdem 1955 friesisch in den Schulen als Unterrichtsfach und Medium zugelassen wurde. Trotzdem gibt es eine umfangreiche und für Minderheitensprachen ungewohnt anspruchsvolle Literatur, die sich immer größerer Beliebtheit erfreut.Um die friesische Kultur zu erhalten und zu dokumentieren, wurde bereits vorm letzten Weltkrieg die in der Provinzhauptstadt Ljouwert/Leeuwaarden beheimatete "Fryske Akademy" ins Leben gerufen als zentrale wissenschaftliche Einrichtung. Als politische Vertretung gilt die "Frysk Nasjonale Party - FNP" (friesische Nationalpartei), die aber in der Vergangenheit nur von einem kleinen Teil der Volksgruppe gewählt wurde. Einer der größten kulturellen Zusammenschlüsse, der "Ried fan de Fryske Beweging" ist ordentliches Mitglied in der FUEV und Ausrichter des diesjährigen FUEV-Nationalitätenkongresses.
Die Nordfriesen
Siedlungsgebiet der Nordfriesen ist die schleswig-holsteinische Westküste zwischen den Flüssen Eider und Wiedau, sowie die vorgelagerten Inseln und Halligen. Die Besiedlung erfolgte in zwei Schritten: Die Geestinseln Föhr, Amrum und Sylt wurden im 8. Jahrhundert (neueste Ausgrabungen lassen eventuell auf eine noch frühere Landnahme schließen), das heutige Festland sowie die flachen Marschinseln und Halligen um 1000 n.Chr. von Friesen aus dem heutigen West- und Ostfriesland besiedelt. Diese unterschiedlichen Besiedlungen finden auch heute noch in den zahlreichen Mundarten ihren Ausdruck. Von den ca. 150 000 des Kreises Nordfriesland sprechen 8000 bis 10000 die friesische Sprache, doppelt so viele können es verstehen und ungefähr 50 000 bezeichnen sich von ihrer Abstammung her als Nordfriesen. Das Nordfriesische teilt sich gegenwärtig in 9 Hauptmundarten, wobei zwischen Inselnordfriesisch (Föhr, Amrum, Sylt) und Festlandsnordfriesisch unterschieden wird. Eine Verständigung zwischen diesen beiden Hauptgruppen in friesischer Sprache war lange Zeit kaum möglich, weshalb für gewöhnlich auf Niederdeutsch, heute auch Hochdeutsch ausgewichen wurde. Ein für alle gültiges Hochfriesisch gibt es nicht, so dass sämtliche Publikationen in mehreren Mundarten gedruckt werden müssen. In den Massenmedien taucht die Sprache nur selten auf. Der für Norddeutschland zuständige Regionalsender NDR sendet pro Woche 3 min in friesischer Sprache, im Fernsehen findet die Sprache keine regelmäßige Beachtung. Der vor zwei Jahren gegründete "ferian för en nuardfresk radio" (Verein für nordfriesisches Radio) setzt sich für einen eigenen friesischen Radiosender ein, kurz- und mittelfristig ist eine Realisierung aber eher unwahrscheinlich. Als Schulfach wird
friesisch nahezu im gesamten Sprachgebiet als freiwilliges Fach angeboten, beschränkt sich aber nur auf die 3. und 4. Klasse. An beiden Universitäten des Landes wird Friesisch, bzw. Friesistik als Studienfach angeboten, ist aber in Flensburg seit einiger Zeit nur noch durch eine Honorarprofessur vertreten.
Bestrebungen für den Erhalt der nordfriesischen Identität wurden besonders durch den deutsch-dänischen Grenzkonflikt immer wieder stark behindert. Man musste sich für Deutschland oder Dänemark entscheiden, ein eigener friesischer Standpunkt wurde kaum akzeptiert. Auch die beiden nordfriesischen Hauptorganisationen, die in der Vergangenheit eher dänisch orientierte "Foriining for nationale Friiske" (Vereinigung nationaler Friesen) und der eher deutschgesinnte "Nordfriesische Verein" wurden dadurch geprägt. Zusammengeschlossen sind beide aber im Friesenrat-Sektion Nord und dem "Verein nordfriesisches Institut", der das "Nordfriisk Instituut", das nordfriesische Gegenstück zur "Fryske Akademy" unterhält. Sowohl die "Foriining for nationale Friiske" als auch der Nordfriesische Verein sind ordentliche Mitglieder in der FUEV.

Vom 23-27. Mai 2001 findet der diesjährige FUEV-Nationalitätenkongreß in Heerenveen / Niederlande statt. Aus diesem Anlaß reiste eine FUEV-Delegation - bestehend aus dem Westfriesen Wiebe Lageveen (Mitte), dem Nordfriesen Gary Funck (links) und FUEV-Geschäftsführer Frank Nickelsen nach Den Haag zwecks Gespräche mit der niederländischen Regierung. Die FUEV-Delegation wurde von dem Westfriesen Herrn Auke van der GOOT (r.), Ministerium für innere Angelegenheiten empfangen.
Die Ostfriesen
Ostfriesisch gilt im eigentlichen Ostfriesland bereits seit Jahrhunderten als ausgestorben, nur in der Gemeinde Saterland im Landkreis Oldenburg konnte die Sprache durch eingewanderte Friesen bis heute erhalten bleiben. Von den 10 000 Einwohnern sprechen grob geschätzt 1500 Menschen saterfriesisch. Gerade bei den jüngeren Menschen ist die Sprachdichte äußerst gering. Immerhin wird in jüngster Zeit Friesisch im Kindergarten und in der Schule angeboten. Dies ist vor allem auf den Einsatz einiger weniger ehrenamtlich tätigen zurückzuführen. Auch konnte vor zwei Jahren neben dem Heimatverein "Seelter Boun" auch eine kleine Jugendgruppe gegründet werden, die sehr viel Unterstützung aus Westfriesland erfährt.Im eigentlichen Ostfriesland wird neben Hochdeutsch ein auf friesischen Rudimenten beruhendes Niederdeutsch gesprochen, das aber von den Sprechern immer noch als Friesisch bezeichnet wird. Ein gewisses Eigenständigkeitsgefühl innerhalb der Region ist immer noch vorhanden.